Einblicke in das Leben als Austauschschüler am östlichen Ende der Welt / 日本からの話
Ich möchte mich am Anfang meines Erlebnisberichts kurz vorstellen ? mein Name ist Patrick Vierthaler, ich komme aus dem kleinen Gosau am Dachstein und habe bereits drei Jahre an der HTL Steyr in der Abteilung Mechatronik besucht. Bereits 2004 kamen mir die ersten Gedanken, doch ein Schuljahr in Japan zu verbringen, da es immer ein Traum von mir war, das Land zu besuchen, für das ich mich seit Jahren interessierte.
Motivation und Reisevorbereitung
 
Nun ? ich wollte mehr sein als ein Tourist und auch etwas erleben, das ich als Student oder Erwachsener nicht mehr erfahren kann.
Also entschied ich mich im Sommer 2006, tatsächlich den Sprung als ?Kind?, also Austauschschüler, zu wagen und mich ein Jahr von all meinen Freunden, meiner vertrauten Umgebung und meiner Muttersprache zu trennen.
Sicherlich eine Herausforderung, aber ich wollte es einfach wissen, inwieweit ich mir das auch selbst zutrauen kann: Wird sich viel verändern? Werde ich Österreich vermissen? Wie wird es mit der Sprache klappen? Lebe ich in einer Stadt oder eher im Dorf? Finde ich schnell Freunde?
All das waren Fragen, die wohl viele angehende Austauschschüler plagen. Die meisten verschlägt es heutzutage in die USA, nach Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland oder ? wenn?s denn chaotischer werden sollte, nach Spanien, Brasilien oder Italien. Jährlich gehen aus dem deutschen Sprachraum über 7.000 Austauschschüler ins Ausland, davon gehöre ich dieses Jahr zu jenen ca. 120 Schülern, die sich nach Japan wagten. Nach der Bewerbung und einem Auswahlgespräch verlief alles recht schnell. Ich hatte eine Zusage der Organisation und etliche neue Freunde aus allen Teilen Deutschlands gefunden ? ich befand mich also im Kreis Gleichgesinnter.
Die Zeit bis zur Abreise verging für mich nicht besonders schnell oder langsam, ich hatte ja in der Schule bis zum Schluss alle Hände voll zu tun, dennoch, irgendwann im August 2007 kam die Abreise näher und näher. Nach ein paar letzten Parties mit Freunden und einigen Verabschiedungen bei bekannten Familien war es dann soweit: Am 25. 8. 2007 stand die Abreise bevor. Die Abschiede waren bei vielen Personen gleich: Während wir Männer eher als Kumpels ?Man sieht sich, ne?? sagten und anstießen, waren die meisten meiner weiblichen Freunde eher in trauriger Stimmung und nicht selten flossen auch Tränen.

Anreise und erste Eindrücke
Ich verließ schließlich Europa von München aus über Paris am frühen Morgen und kam etwa 16 Stunden nach meiner Abreise, ebenfalls um 7 Uhr Morgens, in Tokyo am Flughafen Narita an. In Paris habe ich die zweite Austauschschülerin, die ebenfalls mit meiner Austauschorganisation nach Japan ging, getroffen und unser erster Gedanke auf japanischem Boden war: ?Es ist HEISS!? Klar, es war auch noch Sommer und so hatte es weit über 30°C, und das bei einer viel zu hohen Luftfeuchtigkeit.
Wir wurden von einem netten älteren Japaner und seiner Frau abgeholt und nach dem ersten traditionell japanischen Frühstück ? Fisch mit Reis und Suppe ? ging es dann nach Tokyo, wo wir die nächsten zwei Tage aus dem Staunen nicht heraus kamen.
Der größte Ballungsraum der Welt ist nämlich ? enorm sauber! Die Luftqualität ist gut und von Bettlern oder Kriminalität ist auch nicht wirklich viel zu merken. Das Erste, das uns allerdings auffiel, war der Linksverkehr, ganz wie in Großbritannien. Dennoch, das macht die Sache interessant, es fahren auch etliche Autos mit Lenkrädern auf der linken Seite; die Automaten für Parktickets usw. sind meist auf beiden Seiten vorhanden.Ein komisches Gefühl war es dann nach zwei Tagen Einführung schließlich nach Nasu, einem Ort im Nordosten Japans, zu kommen, wo meine Schule sein sollte.
Und wie war ich am Anfang erstmal erschrocken!
Meine Schule liegt? sieben Kilometer von der nächsten Stadt und fast doppelt so weit vom eigentlichen Ort Nasu entfernt; ohne Auto kommt man zudem aus dem Gelände nicht weg.Die Schule ist eine Internatsschule, d.h. im Zimmer kein Fernseher, auf dem man das japanische Tagesgeschehen verfolgen kann; keine Familie, mit der man sich abends unterhalten kann, und auch kein Schulweg, auf dem man eventuell bei Supermärkten halt machen kann oder einfach mal Mädchen aus anderen Schulen sehen würde ? die Schule ist zudem nämlich keine koedukative Schule. Aber auch dieser Schock ging bis heute ganz gut vorüber, denn es gibt immer irgendwo Wege, wie man aus den Regeln entkommen kann.

Japanischer Sprachunterricht
Was euch jetzt bestimmt interessiert, ist die Sprache. Japanisch! Wer ist denn bitte so bescheuert und lernt Japanisch? Tja, ich. Falls ihr jetzt denkt, man kann auch Chinesisch lernen und kommt auf dasselbe, muss ich euch leider enttäuschen: Zwar wurden die Bildzeichen damals aus China übernommen, aber die Grammatik hat mit dem Chinesischen nichts zu tun. Man kann vielleicht Englisch mit Tschechisch vergleichen, das würde auf dasselbe hinauskommen.
Nun, das Japanische verwendet, im Gegensatz zum Chinesischen, drei Schriften: Zum Einen zwei Silbenalphabete, die je aus ca. 50 Silben bestehen und zum Anderen den Kanji, die Schriftzeichen, von denen ein durchschnittlicher Japaner etwa 2.000 bis 3.000 beherrscht ? es existieren allerdings weit über 50.000.
Ich konnte am Anfang die beiden Silbenschriften und etwa 100 Zeichen, dazu beherrschte ich die Grundzüge der Grammatik und hatte also nicht allzu große Schwierigkeiten die wesentlichsten Dinge zu sagen. Dennoch ? es war nicht leicht. Vor allem, da im Internat Leute aus ganz Japan leben, da kommen dann verschiedenste Dialekte zusammen. Stellt euch vor, wenn ihr als Ausländer, der bisher ein wenig Hochdeutsch gelernt hat, mit einem Sachsen, einem Österreicher und einem Schweizer zusammenkommt. Ganz so extrem ist es zwar nicht, aber anfangs unheimlich schwierig. In den letzten drei Monaten habe ich allerdings sehr viel gelernt und mittlerweile sind besonders mein gesprochenes und mein gehörtes Japanisch ganz gut geworden, beim Schreiben und vor allem beim Lesen hapert?s allerdings noch ein wenig.
Ich habe zwar mittlerweile etwa 400 Zeichen im Kopf, mir fehlen aber zum Lesen eines richtigen Buches oder wissenschaftlichen Textes immer noch ungefähr 1.600.
Da ich aber noch 8 Monate Zeit habe um mich nächstes Jahr im Herbst in Düsseldorf an einem internationalen Japanischtest zu versuchen, der auch die Zugangsberechtigung zu einigen Unis hier im Land bedeutet, mache ich mir keine Sorgen. Noch habe ich ja genug Zeit und wenn ich ausreichend lerne, dann kann ich die für den Test notwendigen 600 Zeichen und die Grammatik, die immer komplexer wird, auch noch schaffen.

Schulalltag in Japan
Nun ? Ich bin ja hier nicht nur zum Reisen und Japanisch lernen hergekommen, ich besuche ja eigentlich eine japanische Schule. Und der Alltag, den ich hier erlebe, weicht eigentlich in so ziemlich allem von unserem aus Österreich bekannten Schulleben ab.
  Um genau 6:55 Uhr beginnt im Internat mit der Schulhymne unser Tag. Wir haben fünf Minuten Zeit, um aufzustehen, uns in die Uniform zu zwängen und anschließend am Gang unseren morgendlichen TENKO, die Anwesenheitskontrolle für die wichtigen Punkte des Tages, durchzuführen. Gegen 8:10 Uhr beginnt der Unterricht, der hier jeden Tag mit einem ca. fünfminütigen ?Homeroom?, sozusagen einer Klassenvorstandsstunde, beginnt.
Danach gibt es vier Einheiten zu je 50 Minuten mit Zehn-Minuten-Pausen dazwischen, ehe wir Mittagspause haben und nachmittags noch einmal zwei Einheiten bis 15 Uhr.Daran schließen sich die Clubaktivitäten an, die bis ca. 18 Uhr dauern ? man kann aus Angeboten, wie diversen Sportarten (Baseball, Basketball,?), einem Filmclub, einem Fotoclub über einen Kalligraphieclub bis hin zu Kampfsport wählen. Ich habe mich entschieden, einmal pro Woche im Kalligraphieclub zu sein, während ich den Rest der Woche im Kendo-Club tätig bin ? Kendo bedeutet ?Der Weg des Schwertes?.
An Unterrichtsgegenständen belege ich neben Mathematik, das hier in zwei Fächer aufgeteilt ist (geometrische Mathematik und algebraische Mathematik), Englisch ? wiederum in die drei Fächer Reading, Writing und Oral Conversation aufgeteilt - und Japanisch, das ich als Einzelunterricht bekomme, noch Geologie, japanische Geschichte, Sport und Kalligraphie. Tests finden pro Term, der bei uns zwei Monate dauert, lediglich einmal statt und sind wiederum ganz anders als in Österreich.

Die meisten sind nach dem Muster ?einsetzen?, ?auswählen? oder ?ergänzen? aufgebaut ? in Mathematik zählt nur das Ergebnis und nicht der Lösungsweg. Die Regeln im Schulalltag sind dann eine Sache für sich. Bei manchen schütteln wir den Kopf, manche würden sich unsere Schüler wohl auch wünschen. Zum Beispiel? Nun? zum Einen sind bestimmte Schuhe vorgeschrieben, wir tragen Uniformen und sollten in der Schule nicht trinken. Zum Anderen allerdings ist es völlig in Ordnung, während der Stunde zu schlafen. Hauptsache, am Beginn und am Ende ist man wach, um aufzustehen und sich nach einem ?Kiotsuke? REI!? zu verbeugen. Das Niveau des eigentlichen Unterrichts ist nicht gerade hoch ? der Lehrer spricht, die Schüler schreiben? oder schlafen. Und vor den Tests wird der Stoff gelernt. Wenn man über 30% erreicht, hat man bestanden. Sitzenbleiben ist quasi nicht vorhanden.
Abends haben wir dann gegen 19 Uhr einen weiteren TENKO, ehe wir zwei Stunden Lernzeit verbringen, ins japanische Bad gehen und schließlich um 21.40 Uhr zum letzten TENKO des Tages antreten. Die Zeit bis 24 Uhr nutzen wir dann meist für irgendwelche Freizeitbeschäftigungen, sei es nun einen Film ansehen, Musik machen oder was auch immer.

Fremde Länder - andere Sitten
Interessant sind weiter die diversen Kulturunterschiede und die kleinen Dinge des Alltags, die man im Laufe der Zeit so mitbekommt. Das fängt beim ständigen Schuhewechseln an, geht über die enorm (gespielte) Freundlichkeit der Japaner über das auch heute noch klar von Konfuzius her geprägte Gesellschaftssystem hin zu Dingen wie, dass jeder Ausländer, der ?weiß? ist, prinzipiell aus Amerika kommt und Englisch spricht. Wenn ich dann sage, dass ich aus Österreich komme, wird meist anstatt OSUTORIA leider OSUTORARIA, also Australien, verstanden.

Sobald man aber Mozart, Beethoven, die Sachertorte, Sisi, Hallstatt usw. ins Spiel bringt, geht ein Licht auf und erstmal reagieren alle Japaner einfach nur interessiert, wie es in unserem ?Musikparadies? nur so ist, mit all den Köstlichkeiten und der tollen Kultur. Die Japaner versuchen ja leider, den Westen mehr und mehr nachzuahmen, und das spiegelt sich auch in der Sprache wider, wo immer wieder aus dem Englischen entlehnte Wörter auffallen ? sei es nun ?raisu? (Reis) oder ?juusu? (Juice). Ansonsten ist interessant festzustellen, dass man manchmal absichtlich angerempelt wird, damit man ein ?Sorry? hören kann. Manche Japaner versuchen verkrampft, in Englisch zu antworten. Selbst, wenn du auf Japanisch sprichst ? das wird entweder nicht bemerkt oder einfach nur ignoriert. Wir Ausländer, neben mir noch ein US-Amerikaner und ein Senegalese, die beide Englischlehrer sind, müssen darüber eigentlich nur mehr grinsen - Rassismus auf japanische Art.

Sehenswürdigkeiten und Naturphänomene
Zum Schluss erzähle ich euch noch ein wenig über meine Erlebnisse. Da gibt es wirklich viel zu berichten. Ich war an Oasen der Ruhe, in pulsierenden Städten, auf einem Vulkan und in den Subtropen. Doch erstmal alles der Reihe nach:
Tokyo ? wie erwähnt, die große Superstadt unter den Megacities. Es ist jedesmal kaum zu glauben, dass man in einem Gebiet ist, das mehr als dreimal so viele Einwohner wie Österreich hat. Die Stadtviertel sind recht unterschiedlich und so habe ich einmal die Tempel in Asakusa besucht, während ich ein anderes Mal mit bekannten Austauschschülern aus Deutschland in den Jugendvierteln Shibuya oder im Hochhausviertel Shinjuku war. Auch im großen Ueno-Park, im Elektronik- und Anime-Freak-Viertel Akihabara, in der Region im Zentrum oder gar auf Odaiba, einer Insel mit futuristischen Gebäuden, die aus Müll errichtet wurde ? zu sehen gibt es wirklich viel und es gibt eigentlich nichts, was man in Tokyo nicht machen oder kaufen kann. Im September zum Beispiel war ich auf einer der weltgrößten Messen für Videospiele, Entertainment und moderne Unterhaltungstechnik ? der Tokyo Game Show.
An einem anderen Tag gegen Ende Oktober hingegen war ich mit einem meiner Lehrer zusammen in Kamakura, das nur unweit südlich von Tokyo und Yokohama liegt und eine wahre Oase der Ruhe ist. Zwar mag der Ort, der im 14. Jahrhundert kurz Hauptstadt Japans war, mit seinen vielen Tempeln und seinem bekannten großen Bronzebuddha von Touristen geradezu überschwemmt sein, dennoch fühlt man sich in eine andere Zeit zurückversetzt.
 
Wir hatten an dem Tag auch noch das Glück, dass das Wetter perfekt war und in der Ferne sogar der Fuji-san mit seinem schneebedeckten Gipfel zu sehen war.
Richtig interessant aus österreichischer Sicht war gegen Ende Oktober schließlich die Besteigung des nahen Nasu-Dake, einer aktiven Vulkanregion. Für mich, der in seinem Umfeld grüne Wiesen, Fichten und Kalkalpen gewöhnt war, ist es wirklich etwas ganz anderes, plötzlich rötliches und graues Gestein, Schwefelgeruch und nahezu keine Fauna zu haben. Einerseits wie ein toter Ort, der dennoch eine ungeheure Faszination ausübt. Übrigens liegt Japan ja geologisch bedingt in einer Region, in der zahlreiche Vulkane vorhanden sind und andauernd Erdbeben stattfinden ? bisher hatte ich dreimal das ?Glück?, dass es plötzlich gewackelt hat.
Der bisherige Höhepunkt war aber ganz klar unsere Schulreise, die unsere Klasse Anfang November nach Okinawa, eine Inselgruppe im südlichen Pazifik, nach Nagasaki, zum Vulkan Unzen und nach Kagoshima geführt hat. Während es in Österreich schneite und an meiner Schule an die 5°C hatte, haben wir auf der Insel Okinawa 30°C genossen, verbunden mit etlichen Museen und Vorträgen über die Zeit des Krieges im Pazifik. Das Interessanteste der Reise erlebte ich nur ein paar Tage später im immer noch ca. 20°C warmen Nagasaki, wo wir das Atombombenmuseum und das Hypozentrum der Atombombe besucht haben, ehe wir am nächsten Tag am Vulkan Unzen in heißen Quellen gebadet haben und am letzten Tag in Kagoshima, einer Stadt, die an einem ?Supervulkan? liegt, erneut ein Museum über den Krieg und eine heiße Quelle genießen durften.

An dieser Stelle muss ich abschließend noch meine Eindrücke über die japanischen Touristen loswerden. Wir kennen sie ja in Österreich als die ?Kamera-Menschen?. Immer beim Fotografieren, immer im Stress und schön brav geschlossen in der Gruppe ? ohne Letzteres können sie scheinbar nicht leben. Auch unsere Reisen erfolgten meist in Reisebussen, mit einem Fremdenführer und so unglaublich wenig Zeit, dass man in der kurzen Zeit einfach nur Fotos machen will, damit man sich zuhause die Sehenswürdigkeiten ansehen kann. So absurd es klingt, der Höhepunkt für einen Japaner auf Reisen ist allerdings nicht das Schloss Schönbrunn oder das Foto vor Mozarts Geburtsthaus, nein, es ist ganz klar das Essen: In Nagasaki muss man ?Chanpo? gegessen und ?Castella? gekauft haben, in Okinawa muss man ?Goya? probiert haben, in Wien darf die Sachertorte nicht fehlen und in Italien schon gar nicht die obligatorische Pizza. Der Genuss geht eben durch den Magen, und nicht durch die Augen.
Eines ist dennoch klar ? die nächsten acht Monate werden toll, aber ich freue mich genauso, wieder in Österreich zu sein.
Ich hoffe, ihr hattet ein wenig Spaß und Interesse beim Lesen,
パトリック  ビルターラ
Patrick Vierthaler