Im Zuge der Beschäftigung mit parabolischen Erzählformen im Deutschunterricht lasen und analysierten die Schüler/innen der 3 AHMEP (Höhere Abteilung für Mechatronik) das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium. Daraufhin wurde ihnen die Aufgabe gestellt, die Grundaussage des Textes in einer modernen Fassung zu aktualisieren.

Lesen Sie die gelungenen Arbeiten von Elenor Schwarz, David Kaltenbrunner, Thomas Kreundl und Stefan Schwarz, welche sowohl mit einer guten Erzählidee als auch stilistisch überzeugen.

Mag. Claudia Zelenka-Dedeyan

Elenor Schwarz (3 AHMEP):

Ein Junge fragte seine Großmutter:
Wir haben heute gehört, wir sollen unseren Nächsten lieben, so wie uns selbst. Aber wer ist mein Nächster? Bist das zum Beispiel immer du? Ich kann es mir nicht ausmalen.
Da gab die Alte zur Antwort:
Ein Kind verlor seine Mutter im Kaufhaus. Die Regale waren zu hoch und die Gänge zu weit. Da fing das Kleine an zu weinen und ihm kullerten dicke Tränen über das Gesicht. Die Mutter dachte, ihre beiden Kinder fänden sich schon zurecht, und die ältere Schwester war in der Annahme, die Mutter kümmere sich um die kleine Schwester.
Da stolperte die Kleinste der Familie durch die Gänge und sah sichtlich verzweifelt aus.
Ein Vater mit einem Kind an der Hand und bereits ein wenig entnervt, bemerkte sie. Doch er ging vorbei.
Das kleine Mädchen blieb bald stehen und drehte sich ängstlich umher.
Nun stand es einem älteren Herrn im Weg. Dieser nahm ein Schluchzen wahr, doch verärgert über die Heulsuse zu seinen Füßen, schob er es mit grantigen Worten beiseite.
Nach einigen Minuten lief eine Frau um die Ecke, welche eilig die letzten Einkäufe erledigen wollte. Sie sah das weinende Kind. Sofort suchte ihr Blick nach einer Person, welche auf das Kind aufpassen sollte, doch niemand kam in Frage.
Da sprach sie das Mädchen an, fragte nach seiner Mama und brachte es schlussendlich zu einem Informationsschalter.
Die Mutter wurde ausgerufen, und obwohl sie erst nach weiteren fünf Minuten kam, wartete die Dame, bis das kleine Mädchen wieder bei seiner Mutter war.
Wer von diesen Personen hat sich als der Nächste des kleinen Kindes erwiesen?
Der Junge meinte sofort: Die Dame, welche es eilig hatte!
Großmutter: Siehst du, diese war barmherzig und drückte Nächstenliebe aus!
 
David Kaltenbrunner (3 AHMEP):

Gemütlich schlendern ein Junge und sein Vater im Urlaub durch eine Fußgängerzone in Oslo. Ein verwahrloster Mann kommt ihnen entgegen. Die Kleider bestehen nur noch aus Fetzen und es scheint wie ein Wunder, dass sie nicht schon von ihm abfallen. In seinen langen verfilzten Haaren hängen kleine Erdbrocken, seine Hände sind schwarz wie die Nacht.
Als er vorbei ist, meint der Junge, es sei unglaublich, wie viele Bettler es in dieser schönen und sonst doch recht reichen Stadt gebe.
Da beginnt sein Vater wie aus heiterem Himmel zu erzählen. Erst ist der Junge überrascht, dann lauscht er aber geduldig den Worten:
„Der Zug fährt ab, die Sicht auf den gegenüberliegenden Bahnsteig wird frei. Ein Mann hält sich offensichtlich stark angeschlagen und blass im Gesicht an einer Säule fest. Langsam gleitet er zu Boden.
Es ist Sonntag 11:00 Uhr am Bahnhof Steyr, kaum jemand sieht den ächzenden Mann, direkt neben ihm steht eine Gruppe Jugendlicher, sie würdigen ihn nur eines kurzen Blickes, keiner will ihn fragen, ob ihm zu helfen ist, keiner will neben seinen Freunden uncool wirken. Eine Frau mit Kinderwagen macht einen großen Bogen um den vermeintlich Drogenabhängigen. Ein Pfarrer beobachtet ihn kurz und denkt sich im Stillen, warum sich viele Menschen stets so heftig betrinken müssen, dass die Auswirkungen auch am nächsten Tag noch so fatal sind.
Zufällig kommt der Fahrdienstleiter aus seinem Büro, sieht den beinahe Ohnmächtigen am Boden liegen und stürzt zu ihm hin. Dieser röchelt mit letzter Kraft ‚Zucker‘. Sofort verständigt der Eisenbahner den Notarzt, welcher aufgrund seines vorherigen Einsatzes noch in der Nähe ist und nur knapp eine Minute braucht.
In letzter Sekunde wird dem Diabetiker die benötigte Zuckerinfusion verabreicht.“
Nach einer kurzen Pause, um die Geschichte wirken zu lassen, meint der Vater dann: „Vertrau deinen Augen nicht immer. Der erste Eindruck mag zwar oft richtig sein, voreilige Schlüsse haben allerdings zuweilen fatale Folgen!“
Thomas Kreundl (3AHMEP):

Franzi hatte sich gerade eben die „Zeit im Bild“ im ORF2 Kanal angesehen. Es wurde ein Bericht über einen Bankräuber gezeigt, der bei seiner Flucht zwei Polizisten angeschossen hatte. Daraufhin hatte ein anderer Polizist das Feuer erwidert, worauf der Verbrecher gestellt werden konnte. Zu Franzis Verwunderung wurde der Bankräuber von der Rettung in das Krankenhaus gebracht. Er fragte seinen Opa, warum man Menschen helfen sollte, wenn sie so böse sind.
Daraufhin erzählte ihm sein Opa eine Geschichte:
Ein Mann fuhr mit viel zu schneller Geschwindigkeit den Dambergwanderweg mit seinem Mountainbike bergab. Den ersten Wurzelblock hatte er sauber übersprungen, er hatte gute Laune, denn die Strecke war trocken und die Sonne schien. Er wusste, dass es verboten war, jedoch war es das Einzige, was ihm in der Freizeit wirklich Spaß machte.
Den letzten Drop zur Laurenzikapelle, sprang er mit voller Muskelkraft. In seinem Adrenalinschub hatte er jedoch eine Gruppe von Wanderern übersehen. Er musste ausweichen und stürzte den Hang hinunter, dort blieb er liegen. Doch die Wanderer halfen ihm nicht. Warum auch, es ist verboten, auf Wanderwegen mit einem Mountainbike zu fahren und dann noch mit so schneller Geschwindigkeit. Es verging fast eine Stunde, bis der nächste Mountainbiker den Weg hinunterfuhr. Dieser konnte jedoch nicht anhalten, da er eine neue Bestzeit anstrebte. Es dauerte eine weitere Stunde, bis der nächste Mountainbiker bei ihm vorbeikam. Seine Federgabel war rostig und seine Reifen waren abgefahren. Er hatte keinen Stress, den Berg so schnell wie möglich abzufahren. Er half dem Mann, welcher sich beim Sturz das Bein gebrochen hatte, auf die Forststraße und rief die Rettung.
 
Nun verstand Franzi, was sein Opa meinte, und versprach ihm immer zu helfen, auch wenn er weiß, dass der- oder diejenige etwas Unerlaubtes getan hat.
 
 
Stefan Schwarz (3 AHMEP):
 
Hitze im Hörsaal. Der zugegeben nicht ganz ausgeschlafene Publizistik-Student Florian fühle sich im 34° heißen Hörsaal eher wie in einer finnischen Herrensauna. Und als der Vortragende, ein etwas in die Jahre gekommener deutscher Journalist, wieder einmal zu einem seiner „Das Wichtigste ist, dass euch bei eurer Berichterstattung auch ein Gefühl für die Situation überkommt und ihr wirklich berührt seid“-Rede ansetzte, platze ihm der Kragen. „Was haben Sie denn so Interessantes erlebt? Vogelgrippe und Rinderwahn? Wohl eher nicht sehr gefühlsintensiv!“ Doch der Redner entgegnete: „Lasst mich euch etwas erzählen. Vor einigen Jahren war ich Auslandberichterstatter im Irak“:
Ein Tag wie jeder andere in der kleinen nordirakischen Mosul. Die Sonne schien heiß, die Straßen waren leer und die glühende Hitze hatte auch alle Tiere von den Straßen vertrieben. Nur ein einziger alter Mann mittleren Alters lag in einer Gasse, deren Schattenzeit doch schon länger vorbei war und vegetierte vor sich hin. Ihm war, als er mit seinem Eselsgespann eine schwere Ladung transportieren wollte, das Tier durchgegangen und hatte ihm einen festen Tritt gegen sein Schienbein versetzt. Als ihn auch noch eine Ecke seines Wagens am Kopf erwischte, als das wild gewordene Zugtier damit losrannte, fiel er ohnmächtig in den Staub der zu dieser Zeit noch schattigen Gasse am Stadtrand von Mosul. Und als er in dieser Gasse lag, es war noch nicht viel Zeit vergangen, seitdem die Sonne am höchsten Punkt gestanden war, kamen doch immer wieder einzelne Menschen vorbei, denen sein Leid allerdings nichts auszumachen schien. Im Irak herrschte alltäglich das posttraumatische Leiden, nachdem der Golfkrieg endlich sein langersehntes Ende gefunden hatte und das Land langsam auf ruhigere Zeiten zusteuerte. Und als er dort lag und manch kräftiger junger Iraker oder manch alte leidgeprüfte Frau seine Beschwerden nicht beachtend vorbeizog, kam ausgerechnet ein Israeli, ein Reporter aus Jerusalem, vorbei und lud den Leidenden auf seinen Rücken, trug ihn in den schattigen Innenhof des Hotels, in dem er zwei Straßen weiter untergebracht war, und versorgte ihn dort, bis er wieder Herr seiner Sinne war.“
Kurze Stille im Hörsaal. Ein innerlich leicht angeschlagener Florian, der nicht genau wusste, was er darauf erwidern sollte, und ein Professor, der doch durch das alles ein klein wenig menschlicher wirkte als zuvor. Das Ende der Vorlesung entließ schließlich alle Beteiligten mit einem betretenen Schweigen aus dem Sauna-Hörsaal und dieser doch etwas unangenehmen Situation für einen der Studenten.