BRIEFE AUS ISTANBUL: Mein Ruf als Fußballfan ist futsch (9)


 

Lieber Gerald!

Du weißt, dass ich, zumindest was Fußball betrifft, über jeden Zweifel erhaben bin. Nicht einmal vor dem Fernseher mutiere ich zum Sportler und schon gar nicht zum Fußballer. Ich habe in meinem Leben, ich gestehe es verschämt, nur einmal freiwillig bei einem Fußballspiel mitgewirkt: damals, als im Jahre 1964 das denkwürdige Spiel der "Gwamperten" gegen die "Mageren" von Ostermiething und Umgebung ausgetragen wurde. Ich betätigte mich als Kassier. Kassiert wurde, denn es sollte ja anschließend der Durst gelöscht werden. Ich weiß nicht mehr, wieviel an Eintrittsgeld eingegangen ist. Den Prachträuschen nach, die mir schon noch in Erinnerung sind, war es dem Ereignis angemessen.

Gerald, Du weißt auch, dass es hier in Istanbul schier undenkbar ist, es könnte jemand nicht Anhänger irgendeiner Fußballmannschaft sein. Und so bin auch ich trotz hartnäckigen Sträubens letztlich nicht umhingekommen, mich als Fan eines Klubs zu deklarieren.

Du weißt, lieber Gerald, schließlich auch, dass Schüler sehr findig sind, wenn es darum geht, von den interessantesten Themen abzulenken. Eine Methode besteht darin, den Lehrer ganz harmlos zu fragen, wie denn das Match des Lokalfavoriten ausgegangen sei. Da ich aber auf derartige Fragen aus purer Ignoranz nicht eingehen konnte, rollten meine Knaben das Thema vom Grundsätzlichen her auf: "Herr Lehrer, was ist Ihre Lieblingsmannschaft?" Zunächst hoffte ich, dieses peinliche Thema abwürgen zu können, indem ich kurz angebunden entgegnete: "Hakkari-Spor." Bei uns hätte ich etwa "FC Tinsting" gesagt. Die Burschen replizierten, dass sie das Thema ensthaft abgehandelt wissen wollten, worauf ich mich zum Fan von Vorwärts-Steyr erklärte. Es war ja kaum zu erwarten, dass Nachrichten über Spiele dieser Mannschaft bis nach Istanbul dringen würden, die dann ausführlich zu kommentieren wären. Mein Bekenntnis führte zunächst einmal, für mich überraschend, zu einem Erfolg: Meine Bedränger drangen nicht mehr weiter in mich.

Man soll sich aber nie völlig in Sicherheit wiegen, der Teufel schläft nicht. Da gibt es nämlich Funktionäre und Manager, die unbedingt meinen, man könne Fußballer als Werbeträger einsetzen, damit stagnierende Betriebe gleichsam zu Umsatzstürmern werden. Eines Tages also erhielt ich den Anruf eines Vorwärts-Funktionärs, der in seiner Eigenschaft als Kollege an meine Telefonnummer herangekommen war. Er verkündete mir die unfrohe Botschaft, dass "Vorwärts-Steyr" samt seiner Wenigkeit sich in Istanbul befänden, damit mehrere Freundschafts- und Benefizspiele bestritten werden könnten. Ich wurde sogar eingeladen zu einem Abendessen, gemeinsam mit den Fußballern und diversen österreichischen und türkischen Gschaftelhubern. Da ich das angegebene Restaurant schon einmal getestet und für gut befunden hatte, nahm ich die Einladung an. Ich gab mich dem Genuss der Fischspezialitäten hin, bewunderte den gesunden Appetit der Sportler und fragte mich, als es nach dem Essen an die Unterhaltung ging, ob es vielleicht eine Gesetzmäßigkeit gebe: je schneller die Beine, desto träger die Zunge. Als ich einige Zeit nach Mitternacht heimwärts fuhr, ahnte ich noch nicht, was mir blühen würde.

Eine gute Woche später, in einer Deutschstunde, wollten ein paar Schüler wissen, ob ich darüber informiert sei, dass Vorwärts-Steyr in der Türkei auf Tournee sei. Erfreut darüber, dass ich mich endlich einmal informiert zeigen konnte, bejahte ich. Gegen welche Mannschaften Vorwärts gespielt habe, wurde ich gefragt. Nun kam leider wieder meine urtümliche Unkenntnis in fußballerischen Dingen ans Licht. Meine lieben Schüler klärten mich aber umgehend auf, dass Vorwärts-Steyr jedes Spiel verloren habe. Mir war das zwar wurscht, ich mimte aber Betrübnis. Jetzt wurde aber von mir erwartet, dass ich ein Loblied auf den türkischen Fußball anstimmen und vielleicht sogar dessen Überlegenheit bekennen würde. Dazu rang ich mich jedoch nicht durch. Da aber mein Ruf als Fußballfan ohnehin ruiniert war, verkündete ich eine Konversion: Ab nun sei nicht mehr Vorwärts-Steyr "meine Mannschaft", sondern VOEST-Linz.

Das wurde allerdings als Untreue missbilligt. Diese nicht besonders berauschende Zwischenbilanz führte aber doch zu einem für mich erfreulichen Ergebnis: Meine Inkompetenz und Prinzipienlosigkeit in Sachen Fußball hatten sich als so abgründig erwiesen, dass ich in Hinkunft sicherlich von jeglichen Attacken in dieser Hinsicht verschont werde, was auch für Dich hofft,

Dein Erwin Holzer