KOYDL: Über den Verkehr in Istanbul







Buch von Koydl


Wolfgang Koydl: Blicke nie zurück!
Was ein Autofahrer in Istanbul wissen muß

Der Taxifahrer konnte nicht sagen, er sei nicht gewarnt gewesen. Mehrmals hatte sein Fahrgast "Achtung, ein Flugzeug" gerufen, und der Fahrer hatte nach oben geblickt. Wie hätte er auch ahnen können, daß die Boeing der "Egyptair" zu ebener Erde auf seinen Wagen zudonnerte. Die Maschine erwischte den gelben Tofasch noch am rechten Kotflügel, bevor sie zum Stehen kam. Gottlob kamen die Insassen beider Verkehrsmittel mit dem Schrecken oder leichten Verletzungen davon.

Ein Zusammenstoß zwischen Taxi und Jet, wie er sich im Sommer am Istanbuler Flughafen ereignete, ist auch in der Türkei eher die Ausnahme. Ansonsten sollte man sich als Verkehrsteilnehmer am Bosporus auf Überraschungen gefaßt machen. denn die Türken haben ein entspannteres Verhältnis zum Straßenverkehr als Mitteleuropäer. Als altes Nomadenvolk tragen sie offensichtlich noch die Erinnerung an die weiten Steppen Zentralasiens in ihren Genen. Aber weil einerseits ein Pkw schneller ist als ein Pferd und andererseits Istanbuls Gassen nicht dasselbe Tempo zulassen wie die Wüste Karakum, ergibt sich ein Mißverhältnis zwischen Gen und Gegenwart.

Grundsätzlich scheint zu gelten: Blicke nie zurück. Deutsche Fahrlehrer trichtern ihren Schülern ein, stets wie ein Leuchtfeuer einen 360-Grad-Horizont im Auge zu behalten. Nein, so passieren Unfälle, kontern türkische Kollegen. Denn der Blick des Fahrers muß stets nach vorne, auf die Straße gerichtet sein.

Tatsächlich hat wohl noch kein türkischer Autofahrer in den Rückspiegel gesehen. Diese Accessoires sind eher überflüssig, weil von hinten nahende Verkehrsteilnehmer hupend auf sich aufmerksam machen. Wenn überhaupt, sind Außenspiegel ein Ärgernis, verbreitern sie doch das Fahrzeug um einige Zentimeter. Das stört vor allem dann, wenn man versucht, eine knapp drei Badetücher schmale Gasse zu durchfahren, die das Gefälle einer Ski-Sprungschanze besitzt und auf beiden Seiten beparkt ist.

Nicht verzichten kann man auf den Innenspiegel. Wo sonst sollte man die blauen Glasaugen befestigen, die den bösen Blick bannen? Ihn fürchtet man fast noch mehr als die Verkehrspolizei. Vor dem bösen Blick schützen diverse Amulette, und Lastwagenfahrer - die sich als besonders gefährdet betrachten - malen in großen Lettern die religiösen Beschwörungsformeln "Allah korosun" (Gott beschütze)oder "Maschallah" (Gott behüte) auf die Fahrerkabine. Die Istanbuler Legende weiß von einem Deutschen, der "Maschallah" für den Namen einer Speditionsfirma hielt: "Irre, wieviele Laster die laufen haben.!"

Vor der Verkehrspolizei schützen weder Glasaugen noch Koransprüche. Hier hilft eher Atatürk, genauer gesagt: Lira-Noten, auf denen sein Porträt prangt. Die Polizisten sind schlecht bezahlt, können sich selbst kein Auto leisten und sind daher naturgemäß dauerhaft schlecht gelaunt. Und wenn man ohnehin eine Strafe zahlen muß, dann gibt man sie lieber einem Beamten aus Fleisch und Blut als einer anonymen Behörde. Wer mit den Gepflogenheiten noch nicht vertraut ist, dem helfen die Polizisten rasch auf die Sprünge: "At bir schey!", sagen sie, "Wirf mal was", und dann läßt man eben etwas springen.

Die Polizei wird sich am meisten über ein neues Verkehrsrecht freuen, das nach dreijährigen Beratungen vor kurzem vom Parlament verabschiedet wurde. Neuerdings darf man am Steuer nicht mehr rauchen oder telefonieren - eine besondere Härte in einem Land von Kettenrauchern und Handy-Besitzern. So werden neue Einnahmequellen für die darbende Polizei erschlossen. Andere Bußen wurden drastisch erhöht, so daß die Beamten auch hier ihre Tarife erhöhen können.

In der Praxis noch unerprobt sind zwei andere Neuheiten: der Einsatz von verdeckten Ermittlern und ehrenamtlichen Inspektoren. Konkret muß man sich das so vorstellen, daß der Gemüsehändler am Straßenrand, die verschleierte Frau an der Bushaltestelle und der Straßenarbeiter an der Autobahnausfahrt Verkehrspolizisten in Zivil sein können. (Der Umkehrschluß, daß der uniformierte Polizist in Wirklichkeit Gemüsehändler ist, trifft allerdings nicht zu.) Per Handy melden sie Verkehrssünder an die nächste Straßensperre weiter, wo man dann eben auch wieder "etwas wirft". Schwieriger wird es bei den Ehreninspektoren: Dies sind pensionierte Staatsbeamte - Richter, Staatsanwälte, Professoren - , die, getarnt als Fahrgäste, Bus- und Taxifahrern auf die Finger sehen sollen. Sie gelten - leider - als unbestechlich.

Mehr als alles andere schätzen Nomaden die Freiheit. In manchen Gegenden der Türkei wird darunter offensichtlich die Freiheit von Bevormundung und Vorschriften verstanden. Dazu zählen auch Verkehrsschilder, die vor allem im armen Osten des Landes verschwinden, sobald sie angeschraubt worden sind. Pragmatisch, wie die Türken nun einmal sind, haben sie eine bessere Verwendung für Halteverbots- oder Vorfahrtsschilder: Auf ihnen läßt sich trefflich Tee servieren oder Brot backen, wenn man sie nicht gerade als Zielscheibe benützt.

Türken reisen gerne, und am liebsten reisen sie mit dem Bus. In einem Land, dessen Eisenbahnnetz seit den Tagen von Orient-Express und Bagdad-Bahn nur unwesentlich erweitert wurde, sind Fracht und Mensch auf die Straße angewiesen. Im Bus können die Türken außerdem ihrer Lieblingsleidenschaft frönen: einander bis in intimste Details hinein auszufragen. Besonders beliebt sind Überlandstrecken, weil der Nachbar stundenlang nicht entkommen kann. Wildfremde Menschen fragen einander nach dem Beruf, dem Gehalt, der Größe der Wohnung, den Macken des Ehegatten, etwaigen körperlichen Gebrechen und den Fortschritten der Sprößlinge in der Schule. Soviel zum Mythos von der Undurchdringlichkeit des orientalischen Privatlebens.

Das Reisen mit dem Bus hat zudem den Vorteil, daß man mit relativ großer Sicherheit dort ankommt, wo man hinwill. Der Fahrer fährt die Strecke seit vielen Jahren und kennt sei einigermaßen gut. Aber wenn Türken alleine zu einer fremden Destination aufbrechen, dann stürzen sie sich ebenso unvorbereitet wie waghalsig in dieses Unternehmen. Straßenkarten und Stadtpläne werden grundsätzlich nicht zu Rate gezogen; eine schemenhafte Vorstellung von der groben Richtung reicht. Der Wikinger Erik der Rote war sicher besser vorbereitet, als er sich nach Grönland einschiffte, als irgendein Mehmet Öztürk, der eine Adresse am anderen Ende Istanbuls sucht.

Aber Erik war im Nachteil, weil er unterwegs niemanden nach dem Weg fragen konnte. Mehmet hingegen läßt sich an jeder Straßenecke weiterlotsen. Dabei scheint es unwesentlich zu sein, ob er in die richtige oder falsche Richtung geschickt wird. Meist beschränken sich die Auskünfte sowieso nur auf vage Angaben wie "Das muß irgendwo oben sein" oder "Immer hinunter". Vielleicht ist diese Art des Reisens ohnehin nur ein Vorwand, um wieder mal mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen, die man nebenbei nach ihrem Verdienst oder nach den Kindern fragen kann. Die Methode mag umständlich erscheinen, ganz schlecht kann sie nicht sein. Schließlich sind die Türken auf diese Weise aus Zentralasien bis vor die Tore Wiens gelangt.

Freilich fordert der Straßenverkehr auch zwischen Bosporus und Ararat einen hohen Blutzoll. Fast 90 000 Menschen sind in den letzten zwölf Jahren bei Unfällen ums Leben gekommen. Das sind 20 Tote am Tag, mithin fast dreimal so viele Menschen, wie bisher im Krieg in Kurdistan gefallen sind. Auf acht Türken kommt heute ein Automobil. In diesem Land ist dies häufig eine rein statistische Größe, denn acht Personen finden in einem Mittelklassewagen allemal Platz.

Bald werden noch mehr Fahrzeuge unterwegs sein - dank den Islamisten. Ausgerechnet die frommen Muslime haben eine Revolution auf dem Automarkt entfacht. Viele Jahre lang gab es in der Türkei nur zwei Arten von Autos: teure oder schlechte. Die einen waren importiert und mit allen möglichen Super-Luxus-Extra-Steuern belegt; die anderen wurden in Lizenz im Lande hergestellt. Die drei größten Industrieunternehmen des Landes stehen hier in einem sportlichen Wettbewerb: Rahmi Koç läßt altertümliche Fiat nachbauen, sein Konkurrent Sakip Sabancî besitzt das Türkei-Monopol für Toyota, und die Streitkräfte-Holding Oyak hat die Lizenz auf Renaults, die den Charme früher Lino-Ventura-Filme ausstrahlen.

Diese bequeme Marktaufteilung haben die Islamisten gesprengt. zum ersten Mal dürfen Auslandstürken gebrauchte Fahrzeuge zollfrei ins Land bringen. Sie müssen allerdings pro Auto ein Jahr lang 50 000 Mark auf einer Bank hinterlegen, worüber sich der schwachbrüstige Fiskus freuen dürfte.

Vor allem aber ist dies ein schönes Beispiel für die enge Wechselwirkung zwischen Deutschland und der Türkei, Gottgefälligkeit und Business. Denn wenn demnächst zwischen Bremen und Bad Reichenhall die Gebrauchtwagenpreise spürbar anziehen, dann liegt Allahs Segen über dem Geschäft.