VERJIN: Vorurteile (1)







Vorurteile gibt es überall und jederzeit

Ich kann mich an meinen ersten Schultag in der Österreichischen Schule noch genau erinnern. Ich hatte nie soviel Angst vor Menschen, wie damals. Der Grund dafür war, daß ich armenischer Herkunft bin.

Ich besuchte vier Jahre lang eine armenische Schule und ein Jahr eine türkische. Weil ich vier Jahre lang nur mit Kindern und Lehrern meines Volkes zusammen war, hatte ich keine Probleme. Meine Eltern hatten mir nichts über die Türken erzählt. Sie warnten mich nur davor, etwas über die Türken und die Armenier zu sagen. In diesem Jahr, in dem ich eine türkische Schule besuchte, sagte ich meinen Mitschülern nicht, daß ich Armenierin bin. Sie fragten mich, wieso ich "Verjin" hieße. Ich sagte nichts. Die Zeit verging schnell und ich mußte es nicht "zugeben", welcher Herkunft ich bin. Aber als ich die Tür der Vorbereitungsklasse in der Österreichischen Schule aufmachte und reinging, dachte ich über vieles nach. Auch in dieser Schule versuchte ich die Wahrheit zu verstecken. Aber ich wußte ganz genau, daß ich es acht Jahre lang nicht schaffen würde.

Die Angst vor der Einsamkeit war sehr groß. Damals fürchtete ich, daß ich wegen meiner Herkunft keine Freunde finden würde. Aus diesem Grund versuchte ich, mich zuerst bei meinen Mitschülerinnen beliebt zu machen und dann die Wahrheit zu sagen. Eines Tages konnte ich es nicht mehr verstecken. Als ich mit meinen Klassenkameradinnen sprach, gaben sie es zu, daß sie es schon wußten. Ich war geschockt, und mir war es in diesem Moment peinlich. Sie trösteten mich aber und sagten, daß es für sie überhaupt keinen Unterschied macht, ob ich Armenierin oder Türkin bin.

Ich dachte darüber nach und stellte fest, daß ich eigentlich nur wegen meiner eigenen Vorurteile meine Herkunft verschweigen wollte. Ich bin froh, daß ich dieses Vorurteil abgebaut habe. Jetzt kann ich einem offen ins Gesicht sagen: "Ich bin Armenierin." Wenn der andere Vorurteile hat und nichts von mir wissen will, kann ich nichts machen. Das ist sein Problem. Ich bin froh, daß ich meine Einstellung geändert habe, sonst hätte ich PINAR und GÜLIZ, meine besten Freundinnen, nicht kennengelernt.

Ich kann nicht sagen, daß ich keine anderen Vorurteile habe, aber ich versuche, mir keine neuen aufzubauen. Ich glaube, daß die Vorurteile die geistige Entwicklung eines Menschen beeinträchtigen und seinen Horizont begrenzen. Wenn der Mensch ein soziales Wesen ist, darf er nicht der Sklave seiner Vorurteile sein.


Anmerkung: Der oben stehende Text ist eine Schul-(Klassen-)arbeit, die im Anschluss an die Auseinandersetzung mit dem Stück "ANDORRA" von Max Frisch zu schreiben war. Das Thema lautete:
"Wenn du selbst schon erlebt hast, daß Menschen Vorurteile gegen andere haben, dann berichte darüber unter dem Titel: Vorurteile gibt es überall und jederzeit.
Verjin K.: im Schuljahr 1995/96 Schülerin einer Lise 3-Klasse des Österreichischen St. Georgs-Kollegs in Istanbul