SZ am Wochenende, 14. 8. 98

WOLFGANG KOYDL

Der Generalstabschef,
die flotte Nummer

Lieblich sind die Mädchennamen, kriegerisch die der Jungen:
über die Tücken türkischer Namensgebung

Dschingis Khan war schon wieder einmal ungezogen, und deshalb darf er auch nicht zum Spielen hinunter auf die Straße, da mag Attila noch so bitten und betteln. Vielleicht hat er ja Glück, und Timur und Batu Khan warten auf dem Bolzplatz auf ihn. Was in europäischen Ohren leicht grotesk klingt, ist in der Türkei oft Alltag: All die grausamen und blutrünstigen Führer von Mongolen, Hunnen oder Tataren werden hier ganz klein. Kunststück, man trifft sie auf dem Spielplatz oder im Kindergarten.

Man mag darüber streiten, ob die Türkei nun eher zu Europa gehört oder zu Asien. Bei den türkischen Vornamen stellt sich diese Frage nicht: Sie belegen, daß die Türken weder hier noch dort sind, sondern ihr ureigenes Gestirn bewohnen, das wenig mit dem Planeten Erde gemeinsam hat. Denn ihre Namen schöpfen sie aus der eigenen Geschichte, Geographie oder gar der Meteorologie: Es gibt so viele Buluts (Wolke), Boras (Sturm), Yagmurs (Regen) und Yildirims (Blitz), daß man sich mitunter in einem Indianerabenteuer von Karl May wähnt.

Die Folgen können delikat sein: Wer nicht über gewisse Grundkenntnisse türkischer Historie, Sprache und Botanik verfügt, wird sich rettungslos in einem undurchschaubaren Geschlechterlabyrinth verlaufen. Denn die Devise deutscher Transvestiten-Clubs "Mann oder Frau, wer weiß es genau" – hier wird sie Realität: Sind Oya und Ipek zwei Schwestern, zwei Brüder oder Bruder und Schwester? War Necati, der die e-mail unterschrieben hat, die rassige Rothaarige von der letzten Ankara-Dienstreise oder der Langweiler mit dem Schnurrbart? Bei Meric hilft auch ein Blick in den Atlas nicht: So heißt zwar der Grenzfluß zu Griechenland. Aber hieß nicht auch die Frau des Businesspartners so, oder vielleicht er selbst?

Gottlob gibt es unter den Türken auch heute noch fromme Muslime, die dem Fremden mit arabischen Namen einen Weg durch das Dickicht weisen: Bei Ali und Ahmet, Hasan und Hüseyin, Mehmet, Süleyman, und Osman weiß auch der durchschnittlich gebildete christliche Mitteleuropäer, daß er Männer vor sich hat. Und auch Fatma, Leyla oder Ayshe machen keine Probleme. Europäische Vornamen indes muß man lange suchen, wenn man von ein paar versprengten Susans und Vivians in der Schickeria von Istanbul oder Izmir absieht. Aber schon beim anscheinend unverfänglich-europäischen Deniz wird es wieder kompliziert: Das klingt zwar nach dem englisch-französischen Denis, heißt aber auf türkisch "das Meer" und kann sowohl Buben als auch Mädchen zieren.

Die meisten Menschen tragen jedoch rein türkische Vornamen, und da hilft dem Fremden nur eins: pauken, büffeln, auswendig lernen. Anders als in anderen Sprachen helfen nicht einmal Endungen weiter. Türk-Namen auf -a oder -i mögen fatalerweise so klingen wie Maria und Claudia, Heidi oder Susi. Weiblich sind sie deshalb noch lange nicht. Necati etwa ist eindeutig ein Mann, und auch Tolga kann keine Frau heißen. Denn "tolga" bedeutet auf türkisch "Streitaxt", und die ist in einer patriarchalischen Gesellschaft selbstverständlich dem starken Geschlecht vorbehalten.

Ein paar ganz dünne Richtschnüre gibt es wenigstens: Taucht in einem Namen die Silbe "Nil" auf wie in Nilüfer oder Nilgün, so handelt es sich zweifelsfrei um eine Frau; wo immer die beiden Buchstaben "er" stehen, versteckt sich ein Mann. Kein Wunder, bedeutet "er" im türkischen doch nichts anderes als eben dies: Mann. So gibt es Alper, den "Kriegsmann", Özer, den "echten Mann", aber auch Ilker und Soner – den ersten und den letzten Mann. Damit soll zum einen der Stolz über den Erstgeborenen und zum anderen der Wunsch nach einem Ende des Kindersegens zum Ausdruck gebracht werden. Ist das vorläufig letzte Kind ein Mädchen, so drücken manche Eltern diesen Wunsch blumiger aus und nennen die Kleine dann hoffnungsvoll Songül – die letzte Rose. Sind Vater und Mutter weniger romantisch veranlagt oder ist die Familie wirklich schon unüberschaubar groß, kann es auch kurz und bündig eine Yeter werden – wörtlich übersetzt: "Es reicht".

Als Grundregel läßt sich – so man Türkisch beherrscht – leicht merken: Lieblich sind die Mädchennamen, kriegerisch die der Jungen. Bei den Damen sind Anleihen bei Flora und Raumfahrt beliebt wie Gül (Rose), Lale (Tulpe) und Elif (Blume) sowie Aysel und Ayten – von Mondlicht überflutet die eine, mit einem Mondteint geschminkt die andere; bei den Männern hingegen überwiegen eher Beispiele aus der Fauna: Arslan (Löwe), Sahin (Falke), Dogan (Habicht) oder Kartal (Adler). Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, Hauptsache, der Name klingt stark und mächtig. Deshalb gibt es den staatstragenden Cumhur (Republik) ebenso wie den lavaspeienden Volkan.

Als ob dies alles nicht schon konfus genug wäre, sind viele Namen geschlechtsneutral: ob Sümer oder Aydin, Aydan oder Bülent – so können sowohl Männlein als auch Weiblein heißen. Von diesem Umstand machte nicht zuletzt Bülent Ersoy Gebrauch, die bekannteste transsexuelle Künstlerin der Türkei.

Daß die Türken so unverkrampft mit ihren Namen umgehen, liegt vielleicht auch daran, daß sie erst vor gar nicht langer Zeit von Staats wegen zu kühnen Experimenten angewiesen wurden. Denn für die meisten Menschen waren es Vater oder Großvater, die 1934 zum ersten Mal einen Familiennamen erhielten – entweder selbst ausgesucht oder von einer auf Schabernack und Schadenfreude erpichten Behörde zugewiesen. Denn erst vor 60 Jahren ordnete Mustafa Kemal, der Gründer der türkischen Republik, an, daß seine Landsleute wie andere zivilisierte Menschen in der Welt auch, ordentliche Nachnamen tragen sollten. Erwünschter Nebeneffekt: So konnte man die Bevölkerung korrekt in Listen erfassen, was mit dem alten System fast unmöglich war. Früher trugen Türken zwei bis drei Vornamen: den eigenen, den des Vaters und jenen des Großvaters – Alptraum für jeden Verwaltungsbeamten.

Ein wenig muß es bei der Namensreform zwischen Bosporus und Ararat zugegangen sein wie in den Namenskommissionen des österreichischen Kaisers Joseph II., der vor mehr als 200 Jahren den Juden in seinen Erblanden einen christlichen Familiennamen aufzwang: Auch die wenigsten Türken konnten sich mit Geld und guten Worten einen wohlklingenden Familiennamen kaufen. Viel häufiger entschieden Beamte aus einer Laune heraus, ob einer Deveci (Kameltreiber), Sirkeciogullari (Söhne des Essigmachers) oder noch schlimmer heißen sollte. Diese Spottlust war der Grund, weshalb so viele Kurden für sie schmachvolle Namen wie Türk, Öztürk oder Asiltürk tragen – Türke, echter Türke, reiner Türke.

So kommt es aber auch, daß man in der Türkei die Vor- und Nachnamen neuer Freunde und Bekannter im Wörterbuch nachschlagen kann. Allein die gegenwärtigen Spitzen von Politik und Militär in Ankara ergeben – übersetzt – ein buntes Panoptikum: Staatspräsident Süleyman Demirel verfügt demnach über eine "eiserne Hand", und Ex-Regierungschefin Tansu Ciller über viele "Sommersprossen". Der frühere Islamistenführer Necmettin Erbakan ist buchstäblich ein "Herr Minister", sein designierter Nachfolger Recep Tayyip Erdogan leglich ein "männlicher Habicht". Bizarr wird es, wenn man Namen und Funktion nebeneinanderstellt: Da entpuppt sich Generalstabschef Hakki Karadayi als "schwarzer Onkel (mütterlicherseits)", sein Stellvertreter Cevik Bir als "flotte Nummer eins", und Ministerpräsident Mesut Yilmaz als "glücklicher Unerschrockener".

Staatsgründer Mustafa Kemal erhielt seinen Nachnamen vom türkischen Parlament als Geschenk: Atatürk, Vater der Türken. Es gibt wohl keinen exklusiveren Namen auf der Welt, denn nur er allein durfte ihn tragen. Seine Familienangehörigen mußten sich mit dem leicht überheblich-sexistischen Atadan bescheiden – "vom Vater abstammend". Sogar der bürgerliche Name der alten osmanischen Sultansdynastie verblaßt daneben zur Allerweltsbezeichnung: Osmanoglu heißen sie, Sohn des Osman. Immerhin stimmt dies mit den historischen Tatsachen überein.

Der "Vater der Türken" machte seinem Namen übrigens in jeder Hinsicht Ehre. Atatürk hatte nämlich die Angewohnheit, jeden Untertanen – egal ob Staatsminister oder Sattelflicker, alt oder jung, Mann oder Frau – in einer Mischung aus väterlicher Güte und Herablassung mit "cocuk" anzureden: "Kind". Als Vater der Nation stand ihm dies wahrscheinlich zu; doch weshalb heute junge Türkinnen von "cocuklar" reden, wenn sie sich über junge Männer unterhalten, das wurde noch nicht erforscht.

Vater Atatürk und seine Kinder indes standen in einer alten Tradition, behandeln doch alle Türken einander als Mitglieder einer einzigen großen Familie - egal ob sie verwandt sind oder nicht. Es ist eine Nation von Söhnen und Töchtern, Brüdern und Schwestern, Onkeln und Tanten, auch wenn sie einander noch nie gesehen haben. Ganz oben im Staat waltet noch immer der Vater: Der Staatspräsident trägt den informellen Ehrentitel "baba" – der Papa eben.

Wir alle kennen doch das Problem in Deutschland. Wie spreche ich einen wildfremden Menschen auf der Straße an, den ich etwa nach dem Weg fragen will? "Entschuldigen Sie bitte?" Oder mit "He, Sie da"? Wo Engländer und Franzosen höflich-neutrale Begriffspaare wie Sir und Madam beziehungsweise Monsieur und Madame kennen, da herrscht im Deutschen Sprachlosigkeit.

Nicht so in der Großfamilie mit dem Namen türkische Republik, wo jeder mit jedem verschwistert, verschwippt und verschwägert zu sein scheint, wenn man den Gesprächen lauscht: "Sag mal, Onkel, fährt der Bus nach Eminönü?" "Nein, meine Tochter, da mußt du umsteigen." "Hallo, großer Bruder, du kriegst noch Wechselgeld raus." "Setz dich hin, Tante, du siehst müde aus." Die familiäre Anrede indes ist nicht immer lieb gemeint (aber das ist sie ja in der richtigen Familie auch nicht). Wenn jemand etwa eine Unterhaltung mit "kardes" (Bruder) beginnt, dann kann man fast immer sicher sein, daß bald die Fetzen fliegen werden. Als Faustregel gilt: Je familiärer der Umgangston, desto schlimmer die Folgen.

Den Staat und das Militär haben derlei dörfliche Umgangsformen schon immer gestört. Sie passen in ihren Augen nicht zum Bild einer modernen, europäischen, zivilisierten, aufgeklärten Türkei. Sie wünschen sich, daß Türken ausgesucht höflich "beyefendi" sagen, und einander mit Bay Özkan und Bayan Yilmaz anreden, mit Herr Özkan und Frau Yilmaz. Indes, die Generäle führen einen aussichtslosen Kampf, auch wenn sie die Gelegenheit haben, zumindest allen männlichen Türken den höflichen Umgangston beim Wehrdienst einzubimsen.

Kaum aus der Armee entlassen, fallen die jungen Männer wieder zurück in die bequeme Onkel- und Tantenwelt, so als ob sie die engen Stiefel wieder mit ausgelatschten Pantoffeln vertauschten.

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